Berechnungsfaktoren
Selektivität
Auch bekannt als: selektive Absicherung, gestaffelte Auslösung, Staffelung
Kurzantwort
Eigenschaft hintereinander geschalteter Schutzorgane (Sicherungen, LS-Schalter), bei einem Fehler nur das zur Fehlerstelle nächstgelegene Element auslösen zu lassen, ohne die übergeordnete Versorgung zu unterbrechen.
Grundlage: Kategorie: Berechnungsfaktoren
Ausführliche Definition
Selektivität bedeutet, dass im Fehlerfall nur das Schutzorgan abschaltet, das dem Fehler am nächsten ist — der Rest der Anlage bleibt versorgt. Praktisch: Bei einem Kurzschluss in einer Wohnung soll nur der LS dieses Stromkreises auslösen, nicht der Hauptverteiler-LS für die ganze Wohnung. Voll-Selektivität wird mit zwei Mechanismen erreicht: Strom-Selektivität (das vorgelagerte Schutzorgan muss einen deutlich höheren Auslösestrom haben — Faustregel Faktor 1,6 zwischen den Stufen bei B-Charakteristik LS-Schaltern) und Zeit-Selektivität (das vorgelagerte Schutzorgan löst zeitverzögert aus). Bei B/B-Kombinationen ist Voll-Selektivität durch Strom-Selektivität allein meist nicht erreichbar, weshalb in größeren Anlagen oft Sicherungen (gG-Charakteristik mit definierter t-I-Kennlinie) als vorgelagertes Element eingesetzt werden.
Typische Werte und Bandbreite
| Typischer Bereich | Voll-Selektivität bis I_k,max — Teil-Selektivität als Minimum |
|---|
Anwendung in unseren Rechnern
Beispiel Wohnungsverteiler: B16 LS für Steckdosen-Stromkreis, vorgelagert ein 35 A NH-Sicherung (gG) im Hausanschlusskasten. Bei einem Kurzschluss am Stromkreis-Ende fließt I_k ≈ 700 A — der B16 löst in 10 ms aus, die NH-35-Sicherung benötigt für diesen Strom rund 100 ms zum Schmelzen. Damit ist Voll-Selektivität gegeben: Nur der B16 fällt, der Rest der Wohnung bleibt am Netz.
Häufige Missverständnisse
Häufig wird angenommen, eine Stufe Differenz im Nennstrom (z. B. B16 ↔ B25) genüge für Selektivität. Tatsächlich überlappen sich die Auslösebereiche bei LS-LS-Kombinationen so stark, dass beide gleichzeitig auslösen können. Voll-Selektivität bei reinen LS-LS-Kombinationen erreicht man nur mit speziellen selektiven Hauptleitungsschutzschaltern (Sammelschienen-LS mit Energie-Begrenzung) oder durch Mischung mit Schmelzsicherungen.
Häufige Fragen
Fachliche Details zu dieser Parameter-Kombination
Wie erkenne ich, ob meine Schutz-Staffelung selektiv ist?
Hersteller-Selektivitäts-Tabellen vergleichen: pro Kombination steht der maximale I_k, bis zu dem Voll-Selektivität gewährleistet ist. Liegt der zu erwartende Kurzschlussstrom darunter, ist die Staffelung selektiv. Darüber löst das vorgelagerte Schutzorgan mit aus.
Warum ist Selektivität wichtig?
Verfügbarkeit: ein isolierter Fehler darf nicht die ganze Anlage ausschalten. Kritisch in Industrie, Krankenhäusern und Rechenzentren. Im Wohnbereich relevant bei Tiefkühltruhe, Heizung, Aufzug — ein Kurzschluss am Bügeleisen darf nicht die Tiefkühltruhe lahmlegen.
Selektivität vs. Backup-Schutz — was ist der Unterschied?
Backup-Schutz: das vorgelagerte Schutzorgan löst mit aus, schützt aber das untergeordnete vor Zerstörung bei zu hohem I_k. Selektivität verhindert genau diese Mit-Auslösung. In großen Anlagen kombiniert: Selektivität bis Nenn-I_k, darüber Backup-Schutz.
Siehe auch
Verwandte Begriffe im Lexikon.
Orientierungshilfe · Prüfung durch Elektrofachkraft erforderlich
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